Hier ein neuer Teil aus meiner Reihe “Ein Fressen für den Psychiater“.

25-12062010
Doppelgänger

Ich betrete den Raum im Zentrum der Realität, ein dunkler Saal mit schwarzen Wänden aus reinem Nichts; in ihm stehen Spiegel, Massen von Spiegeln, unendlich viele Spiegel, angeordnet in einem Chaos aus Flächen, Quadern und interdimensionaler Geometrie; ich gehe hinein in das spiegelnde Labyrinth und sehe mich selbst tausendfach, millionenfach in den Flächen; doch nicht ich bin es, sondern meine Brüder aus den anderen Welten, aus den parallelen Realitäten; aus den Welten, die niemals zu meiner Wirklichkeit geworden sind; aus den Realitäten, die sich von meiner Wirklichkeit abgespalten haben wegen Entscheidungen, die ich getroffen habe, die andere getroffen haben oder wegen Zufällen, die ich niemals ergründen werde; ich dringe ein in das Labyrinth, gehe zwischen die Spiegel und betrachte mich selbst und sehe, was ich niemals geworden bin; einige meiner Spiegelbilder sehen aus wie ich und sind es auch fast, sie führen das selbe Leben wie ich und nur einzelne Atome ihren Realitäten unterscheiden sich von den meinen; andere meiner Brüder ähneln mir, doch unterscheiden sich durch einzelne oder viele Entscheidungen, die getroffen wurden; manchen geht es besser als mir und anderen schlechter, einige sind reich und mächtig, andere arm und krank, manche glücklich, manche unglücklich und einige auch tot, einigen fehlen Gliedmaßen oder Organe und andere sind dem Wahnsinn anheimgefallen, einige sind glücklich verliebt und andere von Einsamkeit zerfressen; ich gehe tiefer in die Spiegelwelt und blicke tiefer in die Auswüchse des Multiversums, sehe meine Doppelgänger im Weltraum und unter der Erde leben, sehe sie in tiefen Ozeanen, ultravioletten Urwäldern, Siliziumwüsten und auf verlassenen Monden am Rande sterbender Galaxien, sehe sie umgeben von Feuerwänden, Plasmawolken, Gasnebeln, Stahlhöhlen und ewigem Eis, sehe sie glücklich und traurig, lachend und voller Wut, in Ektase schwebend und dem Freitod nahe, von Orgasmen durchströmt und von Schmerzen gebäumt; dann sehe ich meiner Selbst von so seltsamen Auswüchsen fremdartiger Evolutionen, dass ich mich kaum erkenne; sehe mich als Reptilienwesen und Vogelmensch, als Amphibium und Fischgestalt, Als Pflanze, Pilz und lebendes Gestein, als Feuergott und Eisdämon, als Überwesen aus Licht und Energie und als einen steten Strom von Gedanken in den Neuronen und Synapsen der Existenz.

Ich sehe sie alle und kenne doch keinen von ihnen, jeder einzelne von ihnen bin ICH weiß trotzdem nichts über SIE sind Fremde für mich und mir trotzdem näher und ähnlicher als jedes andere Lebewesen meiner eigenen kleinen Welt.
Doch was nützt es mir, sie zu sehen; zu wissen, was ich hätte werden können oder nun wäre, hätte sich mein Leben oder die Welt um mich herum anders entwickelt?
Will ich wirklich auf meine bleichen Knochen gleichgültig hinabschauen oder beim Anblick eines meiner glücklichen Doppelgänger vom Neid zerfressen werden?
Ich überlege, die Spiegel zu zerschlagen, doch sind sie echte Welten oder nur Fenster zu ihnen?

Stattdessen mache ich nichts, gehe zurück in meine eigene Welt und versuche, zu vergessen und irgendwie glücklich zu werden.